Bürger fühlen sich übergangen

B

Frust und Enttäuschung auf der Informationsveranstaltung der Avacon zur geplanten Freileitung

Die Fronten sind klar. Die Avacon will den Harzring als Freileitung bauen, die Bürger sind ganz klar dagegen. Auf einer Informationsveranstaltung in Dingelstedt hat sich die Avacon den Fragen der Bürger gestellt.

Avacon Info-Veranstaltung im Dofgemeinschaftshaus Dingelstedt ist gut besucht.

Dingelstedt | „Wir wollen diese Freileitung nicht.“ Mit diesem Satz sprach Katrin Packebusch den Bürgern, die zum Infotreffen gekommen waren, aus dem Herzen. Nachdem die Avacon ihre Entscheidung, die Harzring genannte Stromtrasse als Freileitung zu bauen, verkündet hatte, war der Netzbetreiber nun bereit, Rede und Antwort zu stehen.

Etwa 120 Bürger waren in das Dorfgemeinschaftshaus Dingelstedt gekommen. Auch die Avacon war mit großer Mannschaft dabei und hatte eine dreidimensionale Animation mitgebracht, die den Verlauf der Trasse visualisierte. Der Abend war zwar emotionsgeladen, blieb aber sachlich. Moderator Klemens Lühr, der Fragen und Meinungen sammelte, hat es souverän verstanden, die Emotionen herauszuhalten.

Avacon-Bereichsleiter Simon Fuchs informierte über die Bedeutung dieses Harzrings für die Versorgungssicherheit der Region. Am Ende soll der gesamte Harzring von Wasserleben über Dingelstedt und Schwanebeck bis nach Harsleben führen. Projektleiter Yannik Heisler erläuterte den Variantenvergleich des ersten Bauabschnittes, der zur Entscheidung für eine Freileitung auf der Nordtrasse geführt hatte. „Wir haben die verschiedenen Varianten durchgespielt, verglichen und berechnet.“ Ausschlaggebend sei am Ende das Geld. Das Energiewirtschaftsgesetz besagt, dass ein Erdkabel 2,75 mal teuerer sein darf als eine Freileitung. Der Faktor, der für den ersten Bauabschnitt von Wasserleben nach Dingelstedt berechnet wurde, beträgt 3,11. Für den gesamten Harzring habe die Berechnung sogar einen Faktor von 3,5 ergeben. Allerdings lässt das Gesetz auch zu, dass eine Erdkabelvariante dann möglich sei, wenn „naturschutzfachliche Belange“ gegen eine Freileitung sprechen. Dieser Aspekt kam in den Ausführungen zu kurz. Die Rede war vor allem von Kosten, kaum von Naturschutz. Dabei gibt es längst eine Reihe eindeutiger Einwände gegen diese Freileitung.

Ingeborg Wagenführ (Buko) und Thomas Krüger (CDU), die Bürgermeister von Osterwieck und Huy, hatten sich noch zum Jahresende an den Avacon-Vorstand gewandt und gebeten, auf die Besonderheiten der Region und die Ängste der Bürger einzugehen. Auf eine Antwort warten die Gemeindeoberhäupter bis heute. „Ich bin sehr enttäuscht und vermisse das Mitspracherecht unserer Bürger“, betonte Ingeborg Wagenführ. Thomas Krüger machte den Vorschlag, dass die Avacon die Mehrkosten für ein Erdkabel zunächst übernehmen könnte „Bei Abschreibungen über 40 Jahre fallen die jährlichen Mehrkosten kaum ins Gewicht.“ Die Antwort der Avacon-Vertreter war ernüchternd. „Wir sind unseren Aktionären verpflichtet.“ Das heißt nein.

Landwirt Heiko Bode erhielt für seine Worte viel Beifall. Er nannte die Freileitung eine Billigvariante, die er täglich vor Augen habe. „Die Trasse verläuft über meine Flächen, ich werde dem Bau von Masten niemals zustimmen.“ Allerdings musste er erfahren, dass die Avacon in einem solchen Fall das Recht der Besitznahme hätte.

Viele Bürger meldeten sich zu Wort und wurden gehört, alle sprachen sich gegen diese Freileitung aus. Nicht ein einziges Pro war zu hören.

„Ob es am Ende gelingen kann, die Pläne der Avacon zu stoppen und diese Freileitung zu verhindern, kann zur Zeit niemand sagen“, betonte Maik Berger, Sprecher der Bürgerinitiative „Freie Sicht auf Huy und Bruch“. Weil dieses Kunststück in anderen Bundesländern jedoch auch gelungen ist, sei er zuversichtlich. „Wir haben uns in der Bürgerinitiative organisiert und laden alle ein, sich anzuschließen. Je mehr wir sind, desto eher werden wir auch gehört.“

Nächste Schritte sollen nun sein, dass die Gemeinden und die Räte einen Einblick in die Kalkulation erhalten, die zur Freileitung-Entscheidung geführt hat. Allerdings sei nicht vorgesehen, die vorhandenen Zahlen von einer unabhängigen Firma vergleichen zu lassen. Das bedauerte der Dingelstedter Thomas Steckhan sehr. Er zweifelt diese Kalkulation grundsätzlich an. „Ich habe das Gefühl, dass hier im Sinne der Avacon gerechnet wurde.“

Weil das letzte Wort das Landesverwaltungamt hat, sei es sinnvoll, die Entscheidungsträger in die Region einzuladen. Die Politik sollte in die Pflicht genommen werden, den eindeutigen Bürgerwillen ernst nehmen und umsetzen.

Infos zum Planungsstand unter www.avacon-netz.de/harzring; Newsletter und Infos der Bürgerinitiative unter www.keine-freileitung-im-huy.de

Volksstimme vom 31.05.2019: Bürger fühlen sich übergangen

2 Kommentare

  • Auch drei Tag nach der Veranstaltung schwankt mein Gemütszustand noch zwischen Zuversicht und Wut!

    Es war eine gute Veranstaltung! Ich empfinde es als absolut positiv dass die Gemeinde hier an einem Strang zieht und die Freileitung einmütig ablehnt.

    Erkenntnisreich war die Veranstaltung dahingehend, dass aus meiner Sicht klar geworden ist dass die Avacon keinerlei Interesse an einer Erdverkablung hat. Über 90% der Leitungen im Bestand sind als Freileitungen ausgeführt. Ein Schelm wer dabei Böses denkt …

    Erschreckend auch, dass das Team der Avacon bei einer Veranstaltung zum Thema nicht den Gemeinderatsbeschluss der angrenzenden Gemeinde Nordharz kennt. Diese hatte sich ebenfalls klar gegen eine Freileitung ausgesprochen!

    Der Ausspruch zu „Verpflichtung gegenüber den Aktionären“ möchte ich hier nicht weiter kommentieren und für sich stehen lassen.

    Insgesamt habe ich den Eindruck gewonnen, dass der Vorstand der Avacon die Entscheidung zur Freileitung getroffen hat und nun die „lästigen“ gesetzlichen Vorgaben zur Bürgerbeteiligung und Informationen abgearbeitet werden müssen. Das anwesende Team der Avacon hatte wohl nur den Auftrag, diese „Bürgerbeteiligungsveranstaltung“ irgendwie umzusetzen …

  • Zu „Bürger fühlen sich übergangen“

    Der Artikel spiegelt auch meinen Eindruck wieder. Großes Lob an die Verfasserin!

    Was Avacon offenbar in Abstimmung mit dem Landesverwaltungsamt macht und wie sie es macht, ist meines Erachtens nicht in Ordnung. Als Teilnehmer der „Informationsveranstaltung“ hatte ich schnell den Eindruck, dass es an sich nur eine Mitteilungsveranstaltung war, in der die Avacon mehr oder weniger von oben herab die aus ihrer Sicht schon feststehende Entscheidung für die Freileitung mitteilte. Auf die Art sollte das Thema wohl durchgedrückt werden. Dazu gehörte, dass die Avacon konkreten Fragen teilweise sehr ausweichend begegnete bzw. Antworten nur mit Salami-Taktik preisgab.

    So funktioniert eine Demokratie nicht. Diese erfordert Offenheit und Transparenz. Es wäre daher nicht nur wünschenswert, sondern auch selbstverständlich, dass die Kalkulation offen gelegt wird und angesichts der erhobenen Einwände zur Nachprüfung freigegeben wird. Sofern die Berechnung sachlich richtig ist, könnte Avacon hierbei auch entspannt bleiben.

    Der Satz „Wir sind unseren Aktionären verpflichtet“, stoß zudem äußerst bitter auf. Denn es geht nicht nur um Aktionäre, die im Zweifel weit weg sitzen und nicht tagein tagaus auf diese Strommonstren schauen müssen. Es geht auch um die Menschen, die in der Natur Naherholung suchen. Es geht um die Landeigentümer, die gegen ihren Willen ihr Land für den Mastenbau hergeben müssen und es geht um die Politik, die für die Freileitung ihr OK geben muss. Und die Politik – insbesondere auch das Landesverwaltungsamt – ist ihren Bürgern verpflichtet und niemanden sonst.

    Die Bürgerinitiative „Freie Sicht auf Huy und Bruch“ hat hier deutlich gemacht, wohin der Bürgerwille geht. Nämlich „Ja“ zum Trassenbau per Erdkabel! Es wäre wünschenswert, wenn das Landesverwaltungsamt den Bürgerwillen ernst nimmt, selbst Stellung nimmt und sich nicht hinter einer Riege von Avacon-Mitarbeitern „versteckt“.

von admin

Newsletter

Melden Sie sich zu unserem Newsletter an.

Neue Beiträge

Neue Kommentare

Archive